Darmkrebsvorsorge: Warum sie so wichtig ist

Darmkrebs steht auf der Liste der Krebstodesursachen an zweiter Stelle.  Durch die rechtzeitige und richtige Vorsorgeuntersuchung möchten wir den Krebs verhindern bzw. in frühen Stadien erkennen. Im Interview spricht Dr. med. Siegfried Heuer, Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologe und Inhaber des Gastroenterologischen Zentrums Dr. Heuer in Bielefeld, über den Feind in unserem Bauch.

Bauchmoment: Herr Dr. Heuer, legen wir die Karten auf den Tisch: Wie gefährlich ist Darmkrebs wirklich?

Dr. Heuer: Darmkrebs ist Krebstodesursache Nummer zwei. Jährlich werden allein in Deutschland rund 71.000 Fälle von Darmkrebs diagnostiziert. Laut Statistischem Bundesamt sterben 26.000 Menschen jedes Jahr an der Krankheit. Das ist eine dramatisch hohe Zahl, bedenkt man, dass viele von ihnen hätten gerettet werden können, wäre die Vorformen vom Darmkrebs frühzeitig entdeckt und entfernt worden. 

Bauchmoment: Woran liegt es, dass Darmkrebs häufig erst spät erkannt wird?

Dr. Heuer: Darmkrebs ist eine sogenannte stille Krankheit. Das bedeutet, dass die Patienten meist keinerlei Warnzeichen oder Symptome wahrnehmen, wenn sie ausbricht. Kommt es zu spürbaren Symptomen, ist die Erkrankung häufig bereits in einem fortgeschrittenen Stadium, was die Therapie erschwert und die Heilungschancen deutlich reduziert.

Bauchmoment: Ich sollte mich also auch untersuchen lassen, wenn ich gar keine Symptome habe?

Dr. Heuer: Genau. Die Darmkrebsvorsorge ist das A und O. Ich muss es noch einmal betonen: An Darmkrebs muss man nicht sterben, er ist in den meisten Fällen heilbar – wenn er denn rechtzeitig erkannt wird. Dabei wäre durch die rechtzeitige und richtige Vorsorgeuntersuchung Darmkrebs in fast allen Fällen vermeidbar.

Besonders wichtig ist es, dass die Darmkrebsvorsorgeuntersuchung die Krebs- vorformen erkennt und diese entfernt werden. Deshalb sollte es genauso, wie man regelmäßig seine Zähne beim Zahnarzt auf Karies überprüfen lässt, selbstverständlich sein, regelmäßig zur Darmkrebsvorsorgeuntersuchung zu gehen.

Bauchmoment: Wieso lassen sich denn durch die Vorsorgeuntersuchung Neuerkrankungen verhindern?

Dr. Heuer: Weil Darmkrebs aus gutartigen Vorstufen, den sogenannten Adenomen entsteht. Wenn bei einer Darmspiegelung ein Adenom gefunden wird, wird es sofort entfernt und kann sich nicht mehr zu Krebs entwickeln. Es kann auch sein, dass schon Krebs vorhanden ist, der Patient aber noch keine Symptome hat. Dann ist die Krankheit in aller Regel in einem so frühen Stadium, dass sie erfolgreich therapiert und geheilt werden kann.

Bauchmoment: Ab welchem Alter sollte man denn zur Darmkrebsvorsorge gehen?

Dr. Heuer: Die Auswertung der bundesweiten Dokumentation der Vorsorgekoloskopie hat ergeben, dass die Vorsorgedarmspiegelung ab dem 56. Lebensjahr effektiv dazu beiträgt, die Darmkrebssterblichkeit in Deutschland deutlich zu verringern. Ab diesem Alter bezahlen seit 2002 auch die Krankenkassen die Darmspiegelung zur Vorsorge. Besteht ein erhöhtes Risiko, zum Beispiel bei familiärer Vorbelastung oder vorherigen Krebserkrankungen, sogar schon früher. 

Bauchmoment: Wann liegt denn ein erhöhtes familiäres oder persönliches Risiko vor?

Dr. Heuer: Ein erhöhtes familiäres Risiko liegt vor, wenn bei Ihnen oder Ihren Verwandten Darmpolypen oder Darmkrebs festgestellt wurde.

Falls die Diagnose Darmkrebs in Ihrem Verwandtenkreis vor dem 50. Lebensjahr gestellt wurde, ist das Risiko nochmals erhöht.

Ein erhöhtes persönliches Risiko besteht, wenn Sie als Frau zum Beispiel Gebärmutterhalskrebs oder Brustkrebs hatten.
Weiterhin besteht ein erhöhtes persönliches Risiko, wenn Sie an einer sogenannten chronisch-entzündlichen Darmerkrankung wie der Colitis ulcerosa erkrankt sind.

Bauchmoment: Kann man Darmkrebs auch vererben?

Dr. Heuer: Erblicher Darmkrebs ist mehr als nur eine familiäre Vorbelastung. Hier ist ein genetischer Defekt nachweisbar, der das Risiko einer Erkrankung um ein Vielfaches erhöht. Sollte in der Verwandtschaft erblicher Darmkrebs vorliegen, sind umfassende Vorsorgemaßnahmen zu einem sehr viel früheren Zeitpunkt nötig, um das persönliche Erkrankungsrisiko zu minimieren. Liegt eine familiäre Vorbelastung vor, kommt eine Vorsorgeuntersuchung mit 50 Jahren deutlich zu spät! Dazu gehört zwingend eine genetische Beratung, die auch die Untersuchungsintervalle festlegt.

Bauchmoment: Wie läuft denn so eine Vorsorgeuntersuchung ab?

Dr. Heuer: Bei der Darmspiegelung, der sogenannten Koloskopie, werden mit einem Koloskop der Mast- und Dickdarm sowie das Endteil des Dünndarms sorgfältig betrachtet. Das Koloskop ist ein optisches Gerät, das aus einem dünnen Schlauch mit etwa 15 Millimetern Durchmesser besteht. Außerdem hat man die Möglichkeit, Gewebeproben für eine feingewebliche Untersuchung zu entnehmen oder Polypen, die Vorformen von Darmkrebs, zu entfernen. 

Bauchmoment: Tut die Untersuchung weh?

Dr. Heuer: Nein, eine Darmspiegelung tut nicht weh. Ich spritze vor der Untersuchung normalerweise ein Medikament, welches zu einem Kurzschlaf führt und die Schmerzen mildert, sowie unter bestimmten Umständen ein Medikament, das die regelmäßige Darmbewegung kurzzeitig unterbindet. So hat der Patient in der Regel keine Schmerzen. Nach 20 Minuten ist das Ganze auch schon vorbei. Deshalb kann ich nur noch einmal appellieren: Gehen Sie zur Darmkrebsvorsorge und schicken Sie auch Ihren Partner dorthin – die Untersuchung tut nicht weh und kann Ihre Leben retten!

Bauchmoment: Was ist, wenn ich aus anatomischen oder persönlichen Gründen keine Darmspiegelung durchführen lassen kann oder möchte?

Dr. Heuer: Dann haben wir die Möglichkeit der virtuellen Koloskopie beim Radiologen mit einem speziellen Computertomografen. Auch hier muss allerdings der Darm genauso gereinigt werden wie bei der herkömmlichen Darmspiegelung. Wird ein Polyp entdeckt, muss anschließend trotzdem eine Darmspiegelung durchgeführt werden, um den Polypen zu entfernen.

Bauchmoment: Gibt es eine Kapselkamera für den Dickdarm?

Dr. Heuer: Ja, die gibt es tatsächlich. Es gibt eine Kamera für den Dickdarm und eine für den Dünndarm. Der Patient schluckt die Pillenkamera. Dadurch gleitet diese unbemerkt und ohne Schmerzen durch das Verdauungssystem und filmt den Menschen sozusagen von innen. Parallel werden die Bilder auf ein mobiles Aufnahmegerät geschickt, das am Körper getragen wird. So kann sich der Arzt die Bilder später anschauen, um eine genaue Diagnose zu stellen. Die Kapsel verlässt in den nachfolgenden Tagen den Körper auf natürlichem Weg. Auch hier muss der Darm besonders gut gereinigt sein. Sie sehen also, es gibt keine gute Ausrede, um Darmkrebs keine Chance zu geben! Die Kolonkapseluntersuchung wird im Moment jedoch nicht von der gesetz­lichen Krankenversicherung getragen.

Ab 50 Jahren hat man Anspruch auf die Teilnahme am Darmkrebsfrüherkennungsprogramm

Dr. med. Siegfried Heuer ist Vorstandsvorsitzender der Sektion Gastroenterologie des Berufsverbandes Deutscher Internisten (BDI). Der Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologe und Inhaber des Gastroenterologischen Zentrums Dr. Heuer in Bielefeld war nach Studium und Promotion an der Universität Bonn u. a. als gastroenterologischer Oberarzt an der Medizinischen Klinik des Evangelischen Krankenhauses in Düsseldorf tätig. Er ist verheiratet und hat fünf Töchter.


Checkliste Darmkrebsrisiko

Ein erhöhtes familiäres Risiko liegt vor, wenn

  • bei Ihnen oder Ihren Verwandten Darmpolypen oder Darmkrebs festgestellt wurde.
  • die Diagnose Darmkrebs bei Ihrem/Ihrer Verwandten vor dem 50. Lebensjahr gestellt wurde.
  • Sie als Frau zusätzlich z. B. Gebärmutterhalskrebs oder Eierstockkrebs selbst oder in der nahen Verwandtschaft haben oder hatten.
  • Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa bekannt sind.

Darmkrebsfrüher­kennung der gesetzlichen Krankenkassen

Früherkennungsprogramm für Menschen ab 50

Darmkrebs ist eine Krankheit, die sehr langsam über mehrere Jahre und häufig von den Betroffenen unbemerkt voranschreitet. Nimmt man Beschwerden wahr, ist der Darmkrebs in den meisten Fällen schon fortgeschritten. Mit dem Alter steigt das Risiko einer Erkrankung und Männer sind deutlich gefährdeter als Frauen. 

Aus diesem Grund gibt es für Menschen ab 50 Jahre das Früherkennungsprogramm. Teil des Programms sind Beratungsgespräche mit einem Magen-Darm-Arzt sowie in regelmäßigen Abständen ein Test auf unsichtbares Blut im Stuhl und die Darmspiegelung.

Darmkrebsfrüherkennung im Überblick

Ab 50 Jahren

  • Beratung beim Arzt über Ziel und Zweck des Darmkrebsfrüherkennungsprogramms
  • jährlich immunologischer Test auf nicht sichtbares (okkultes) Blut im Stuhl

Ab 55 Jahren

  • Zweite Beratung über Ziel und Zweck des Darmkrebsfrüherkennungsprogramms
  • Patientenaufklärung zur Koloskopie (Darmspiegelung)
  • Darmspiegelung
  • nach zehn Jahren zweite Darmspiegelung oder alle zwei Jahre Test auf nicht sichtbares (okkultes) Blut im Stuhl

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